Faschisierung?
99 | 2026
Es wird einfach zu viel geschrieben, als dass man noch mitkommen könnte.
I.
Bis vor ziemlich genau einem Jahr ist hier eine lose Sammlung von Perspektiven, Ansätzen, Begriffsbildungen unternommen worden, denen gemeinsam der Versuch ist, Trumps rechtsradikale »Revolution« zu verstehen: Was ist das, was steckt dahinter?
Kompetitiver Autoritarismus bzw. Neoimperialismus (hier)? Faschismus bzw. Wechselbalg (hier)? Konterrevolutionärer Terror bzw. Mobbing als Machtform (hier)? Gegen-68 bzw. der Durchgriff der Rackets (hier) Nationalkapitalismus, technofeudale Offensive bzw. revolutionäre Zerschlagung des Staatsapparates (hier)? CEO-Diktatur bzw. »Snow Crash«-Kapitalismus (hier)? Trump als Symptom einer großen kapitalistischen Krise oder Patrimonialismus (hier)? Körperpanzer, demokratischer Faschismus, Kulturrevolution (hier)?
Die acht Folgen sind als Arbeitsmaterial entstanden, dem Zweck beihelfend, wenigstens einen Ausschnitt aus der Vielfalt der Analysen festzuhalten. Von Brechts berühmtem Zitat aus den »Flüchtlingsgesprächen«, laut dem »die Begriffe, die man sich von was macht«, sehr wichtig sind, weil sie zugleich »sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann«, ist leicht zu reden. Was den ersten Teil angeht, die Wichtigkeit der Begriffe, mache ich hier keine Abstriche. Die Materialsammlung bekommt hier deshalb eine neue Folge.
Der zweite Teil von Brechts Merksatz erscheint mir dagegen als verwirklichbarer Anspruch zu groß. Da sind auch Unsicherheit dabei, Zweifel, Angst und so fort. Eine Art politische Niedergeschlagenheit, ein »noch nicht in den Griff bekommen«, eine Ahnung, dass die komplexe, widersprüchlich Verkoppelte Ballung von »Problemen« einen Zustand erreicht hat, dem auch mit »Bewegungen« nicht mehr beizukommen ist.
Man könnte das am Begriff »Faschismus« ausführlicher darlegen, aber an dieser Stelle nur ein paar Stichworte: die AfD-Umfragewerte, das strategielose Gebaren der Bundesregierung nicht zuletzt hinsichtlich der blockierten Transformationskonflikte, die zugleich bestehende epistemische Unsicherheit über die nicht mehr änderbaren Folgen einer planetaren Krise, deren »fossilistische« Ursachen zugleich die materielle Basis bisher immerhin leidlich funktionierender Sozialintegration im Kapitalismus waren, deren Zukunftslosigkeit sich aber inzwischen nicht mehr bloß mit einer Kritik der politischen Ökonomie erfassen lässt, sondern aus dem Erreichen einer noch übergeordneten Grenze der Reproduktion resultiert, die zu verstehen eine noch ungeschriebene »Kritik der politischen Physik« hilfreich wäre. Aber eben nur vielleicht. Es geht nicht mehr so weiter, aber wie soll es weitergehen?
Wie man den Aufstieg rechtsradikaler Kräfte vor allem auf die wohlstandschauvinistischen Abwehr von Veränderungen und Unsicherheiten beziehen könnte, die mit der planetaren Krise in Zusammenhang stehen, ist unter anderem hier vorgeschlagen worden. Warum die Leute verrückt werden, (man kann das wörtlich nehmen: von jener Zone aus, in der die Reaktion auf ein Problem und dessen Beschreibung noch vernünftig genannt werden kann, in eine andere Zone verrückt werden, sich selbst dorthin rücken lassen…), dazu gab es hier einige Überlegungen auf Basis von Luhmann, El-Mafaalani und Jan Philipp Reemtsma.
Letzterer hat unlängst Anmerkungen zur laufenden »Anpassungskrise besonderer Art« gemacht und Joseph Roths »Radetzkymarsch« aufgegriffen: »Die handelnden Personen wissen alle intuitiv, dass die Welt, in der sie leben, nicht nur zu Ende gehen wird, sondern bereits zu Ende gegangen ist.« Alle machen irgendwie weiter, »weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen«. Die allermeisten ahnen mindestens, dass es so nicht weitergeht, aber wie soll es stattdessen weitergehen? Und jene »nervös-ratlose Gegenwartswahrnehmung verführt uns ebenfalls dazu, Bilder in der Vergangenheit zu suchen: ›Ist es Faschismus?‹«
II.
Reemtsmas Text war in der gedruckten »Frankfurter Allgemeinen« auch so überschrieben. Der zugrunde liegende Vortrag bei der Tagung »Das Gespenst des Faschismus« hatte einen ganz ähnlichen Titel. Online hat die FAZ eine aufmerksamkeitsökonomisch zugespitztere Schlagzeile gewählt: »Woher kommt die Lust am Faschismus-Vorwurf?« Das sorgt ja eher für Widerspruch, vielleicht sogar abweisende Reflexe, immerhin wird eine analytische Wahl hier zur subjektiven Entäußerung degradiert und eine Kategorie schon gleich als moralische Handlung negativ konnotiert.
Interessant ist auch die Spitzmarke der Onlineversion von Reemtsmas Text, weil sie im Grunde eine Ablenkung darstellt: »Trump und die USA«. Der Verrückte aus dem Weißen Haus taucht aber erst recht spät bei Reemtsma auf, eingeführt mehr als ein Beispiel für einen Anwendungsfall der Frage, ob das schon Faschismus sei. Es liegt zumindest nicht fern, auch einen anderen möglichen Anwendungsfall im Kopf zu haben, einen, der nicht mit Trumpo, sondern mit den AfD-Umfragewerten, den aktuellen Abwehrdebatten hinsichtlich der Landtagswahlen, den denkbaren Spätfolgen eines möglichen Bruchs der Regierungskoalition und so weiter zu tun hat.
In der Reaktion von Rahel Jaeggi und Robin Celikates auf Reemtsmas Text taucht die AfD bereits im zweiten Satz auf und bleibt als Thema. Das scheint mir deshalb bemerkenswert, weil es zwar einerseits so sehr auf der Hand liegt, andererseits aber ziemlich oft wenn nicht mehrheitlich die Frage, ob der Aufstieg der AfD schon Ausdruck von so etwas wie Faschismus ist, bisher eher über die Trump-Bande diskutiert wurde: Man sprach viel über die Entwicklung in den USA – und meinte mehr insgeheim auch jene hierzulande mit. Wenigstens der Potenz nach. In der Debatte darüber, »ob die Brandmauer hält«, ist ein ähnliches Muster zu erkennen: Offen gesprochen wird darüber, was dabei zerstört werden könnte (liberale Demokratie), aber doch wurde auch hier oft gescheut das, was stattdessen folgen würde, zu benennen.
Jaeggi und Clikates haben in Reemtsmas Text die Unterstellung gelesen, »dass es mit der Verwendung des Faschismusbegriffs nur um Nestwärme in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten gehe, also nicht um wissenschaftliche Analyse, sondern (dazu noch folgenlosen) politischen Aktivismus«. Oliver Nachtwey hatte bereits auf Reemtsma reagiert (»ein interessanter, aber auch sehr seltsamer Text«) und diesen Punkt ebenfalls unterstrichen: »Aber auf die begriffliche Bestimmung zu verzichten, heißt auf das eigene Handeln zu verzichten. Reemtsmas nonchalante Perspektive, dass Formen der politischen Regression anthropologisch wiederkehrend auf politischen Wandel seien, entdramatisiert eine Situation, in der Menschen bedroht sind.« In der FAZ springt derweil Tania Martini Reemtsma bei (noch nicht online) und kritisiert an Jaeggi und Celikates, diese würden »den Faschismusbegriff zur moralischen Verpflichtung« erheben und damit »kurioserweise Reemtsmas Beobachtung, dass es vorrangig oft um etwas anderes als die Analyse geht, geradezu« bestätigen.
Und alle kommen sie irgendwie auf »Faschisierung« zu sprechen, außer Reemtsma. Nachtwey sieht diesen dennoch »die linksradikale These der allgegenwärtigen, umfassenden ›Faschisierung‹« spiegeln, »die keinen Unterschied macht zwischen bürgerlichem Nationalismus (der Politik der EU an den Aussengrenzen, Merz’ Aussagen zum Stadtbild) und Faschismus in der Perspektive historischer Anthropologie. Konservative, und damit auch Merz und Spahn, können mitunter autoritär/nationalistisch agieren, aber sie bleiben Demokraten. Man muss sie kritisieren, dass sie zu wenig gegen Rechtsextremismus tun oder ihm sogar Legitimation verschaffen. Aber sie müssen von Faschismus unterschieden werden. Die linksradikale These der umfassenden ›Faschisierung‹ der Gesellschaft verwischt diese Unterscheidung, Reemtsma blendet sie aus. Beides ist falsch und, vorsichtig ausgedrückt, nicht hilfreich.«
Jaeggi und Celikates erinnern hingegen daran, dass »die seit einigen Jahren währende Diskussion um den neuen Autoritarismus, den neuen Faschismus und auch das, was einmal (auf den ersten Blick harmloser) als Rechtspopulismus angefangen hat«, einer zunehmenden Zuspitzung von Krisen- und Gewaltdynamiken« eine reihe »relevanter Unterscheidungen hervorgebracht« habe, »hinter die auch die öffentliche Debatte nicht zurückfallen sollte«: Dazu gehöre die Rede von »Faschisierung«, die geeignet sei, »die Verlaufsform des Prozesses, seine Ungleichzeitigkeiten und Unvollständigkeiten in den Blick zu nehmen« und den Blick darauf lenke, »dass Faschismus heute nicht einfach als Gegenteil von oder Bruch mit der liberalen Demokratie verstanden werden kann, der sich allein extremistischen Akteuren zurechnen lässt. Faschisierungsprozesse haben gesamtgesellschaftliche Bedingungen und werden häufig aus der Mitte der Gesellschaft heraus befeuert.«
Martini wiederum kritisiert am Begriff »Faschisierung« wiederum, dieser bleibe »nicht selten begriffliche Kosmetik«. So auch bei Jaeggi und Celikates, an denen Martini »jene zweifelhafte Eindeutigkeit« stört, die sie in deren Verwendung von »Faschisierung« liest. Aber wurde hier richtig gelesen? Jaeggi und Celikates geht es ja gerade um Dynamiken, das Prozesshafte – ja eine höhere Stufe von Komplexität. »Wenn von Faschisierung und Faschismus gesprochen wird«, gehe es »um eskalierende Dynamiken und ihre Analyse und Kritik. Sowohl politisch als auch analytisch greift es viel zu kurz, diese Dynamiken auf vermeintliche anthropologische Grundmuster (etwa die Angst vor dem Unbekannten) zurückzuführen oder sie allgemein aus gesellschaftlichen Umbruchserfahrungen und der Auflösung etablierter Orientierungsmuster abzuleiten, in denen regressive Potenziale liegen. Regression und Umbruch sind zwar entscheidende Stichworte für eine Gesellschaftstheorie der Faschisierung, aber ihr Zusammenhang ist komplexer. Wir leben in einer Zeit, die von dem Eindruck geprägt ist, dass gesellschaftlicher Wandel keine neuen Möglichkeiten mehr eröffnet. Stattdessen ist die Blockade von Lösungen das Gefühl der Zeit. Die Dynamiken der Faschisierung sind eine Reaktion auf dieses Zeitgefühl.« Hinten heraus führt das zu fehlgeleiteter Konfliktbearbeitung, welche die »Krisendynamik nur noch weiter« verschärfen.
An dieser Stelle wird ein weiterer Dissens zwischen Martini einerseits sowie Jaeggi und Celikates andererseits sichtbar. Die schreiben: »Ungelöste Spannungsverhältnisse, ungelöste Krisen und Widersprüche führen zu einer Situation der Desorientierung, der Ohnmacht und der Ansprechbarkeit für scheinbar einfache Lösungen, die die Schuld identifizierbaren Gruppen in die Schuhe schieben.« Martini liest: »Faschisierende Tendenzen erscheinen bei ihnen vor allem als Folge einer falschen politischen Rahmung gesellschaftlicher Krisen. Die innere Bereitschaft der Subjekte zur Unterwerfung findet in dieser Rahmung keine Beachtung.«
Ob das stimmt und dem kategorialen Rahmen von Jaeggi und Celikates überhaupt gerecht wird (»Regression«, die Tradition der kritischen Theorie usw.), sei einmal dahingestellt. Hier folgt nun stattdessen ein etwas größerer Sprung: zu einigen Aspekten der historischen und neueren Faschisierungsdebatte.
III.
Wenn man dieser Tage noch einmal Michael Steffens »Geschichten vom Trüffelschwein« zur Geschichte des KB herauskramt, liest man dort zum Beispiel über einen durchaus ähnlichen zeitgenössischen Dissens: Der KBW vertrat demnach die These, dass »die kleinbürgerliche Massenbewegung, wie sie historisch in Italien und Deutschland Basis faschistischer Regime war, im Faschismusbegriff als konstitutiv anzusehen ist« – oder ob, wie der KB meinte, »auch von einem ›Faschismus ohne Massenbewegung‹ die Rede sein kann«, worin sich die ebenfalls umstrittene Frage spiegelte, »ob eine solche Massenbewegung in der Transformationsdynamik als autonome, vorwärtstreibende Kraft wirkt (KBW) oder dort, wo sie auftritt, lediglich Ausdruck der politisch-ideologischen Einflussnahme und des ›Willens der Bourgeoisie‹ ist (KB).« »Die ›faschistische Verhetzung‹ gehe nicht nur von einigen ›unbedeutenden Gruppen‹ des neonazistischen Lagers aus, sondern bilde einen ›Bestandteil der allgemeinen bürgerlichen Politik‹.«
Für den KB hatte die Faschisierungsthese eine mehrfache Funktion, einerseits so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal in den strategischen Auseinandersetzung der Nach-APO-Zeit, andererseits als zentraler »ideologischer Kristallisationspunkt« nach innen mit der Quasi-Funktion als »informelles Programm«. Faschisierung »war für den KB definiert als ein von seiten der Bourgeoisie (Kapital, Parteien) ›bewusst‹ forcierter Prozess des Herankommens an den Faschismus, mit dem diese sich schon in Zeiten relativer gesellschaftlicher Stabilität präventiv auf die Bewältigung einer ›kommenden Krise‹ und die Abwehr der hiermit verbundenen ›kommenden Kämpfe‹ der Arbeiterklasse und ›anderer betroffener Teile des Volkes‹ vorbereite«. Ein zentraler Unterschied zu anderen K-Gruppen lag darin, dass der KB die Lage der Linken und der Klassenkämpfe realistisch einschätzte, während andere von der »Haupttendenz Revolution« und einer »Linkswendung der Massen« träumten. Für den KB war die »Offensive der Bourgeoisie« mit Maßnahmen verbunden, »die in keinem realen Verhältnis zum aktuellen Stand der Klassenkämpfe stehen und die eindeutig vorbeugenden Charakter haben«.
Die Faschisierungsthese des KB ist damals umfangreich diskutiert worden. Die Passagen in Steffens Buch dazu sind auch deshalb vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte lesenswert. Nicht zuletzt, um etwas über den historischen Ort einer Kategorie in den Debatten der Linken zu erfahren, die natürlich trotz ihrer Zeitgebundenheit bis heute auch nachwirkt. Oder um Nachtweys Kritik einzuordnen, laut der »die linksradikale These der umfassenden ›Faschisierung‹ der Gesellschaft« eine Unterscheidung verwische – vereinfachen wir mal: die zwischen »Rechten« und »Rechtsradikalen«.
Drei Jahre vor Steffens Dissertation erschien Klaus Webers Stichwort »Faschisierung« im vierten Band des HKWM. Der Begriff werde »verwendet, wo Übergänge von bürgerlichen Demokratien zu faschistischen Diktaturen (bzw. faschistischen Staaten) beschrieben und zu erklären versucht werden. Nach der Phase der europäischen Faschismen wird er benutzt, um Ähnlichkeiten oder Parallelen zwischen je aktuellen politischen Entwicklungen in gesellschaftlichen Teilbereichen und Strukturelementen des Faschismus warnend aufzuzeigen.« Die Analyse ziele dabei in der Regel auf »drei Ebenen und ihre jeweiligen Verknüpfungen: auf das Verhältnis von Kapitalmächten (Kapitalfraktionen) zum Staat und seinen Staatsapparaten, auf das Verhältnis von staatlicher Herrschaft zu gesellschaftlichen (Selbst-) Regulierungsprozessen und das Verhältnis von Produktions- und Lebensweise zu Subjektstrukturen. In Erinnerung ruft Weber unter anderem Ernst Bloch, Peter Brückner oder Wolfgang Fritz Haug mit dem Begriff »Faschisierung« in den Be-Griff zu bekommen versuchten. Haugs 1986 erschienene »Faschisierung des bürgerlichen Subjekts« über die NS-Geschichte der deutschen Psychiatrie und deren Beteiligung an der massenhaften Ausrottung von Patienten, gibt es hier.
Weber hat sich auch in einer aktuellen Debatte zu Wort gemeldet, in der es um die Tauglichkeit des Faschisierungs-Begriffs geht. Er verteidigt diesen gegen Sebastian Friedrichs Vorschlag, stattdessen auf Reinhard Opitz’ Begriff der »Formierung« zurückzugreifen. Im gemeinsam mit Niels Schniederjann betriebenen Portal »Über Rechts« begründen beide, »warum wir weder von Faschismus noch von Faschisierung sprechen würden und weshalb uns stattdessen der Begriff des autoritären Kapitalismus analytisch weiterführt«. Dieser mache »verständlicher, dass autoritäre Verschiebungen nicht nur von der AfD ausgehen, sondern auch ohne sie längst vorangetrieben werden: durch verschärften Klassenkampf von oben, Aufrüstung, Disziplinierung, den Abbau demokratischer Handlungsspielräume und die wachsende Bedeutung exekutiver Macht. Zugleich erlaubt dieser Begriff, die mögliche Funktion der AfD genauer zu bestimmen: nicht nur als radikale Oppositionskraft, sondern auch als möglicher rechter Flügel eines zunehmend autoritären kapitalistischen Projekts.«
Zur Sprache kommt dort auch Mario Candeias’ Theorie der Faschisierung. Schon früher (etwa hier 2018) genutzt, um den »Aufstieg der radikalen Rechten« zu begreifen, hat dieser den Begriff inzwischen in »Monster verstehen. Wechselwirkung von Faschisierung und blockierter Transformation« ausgearbeitet – verstanden als Prozess der »molekularen Ausbreitung typischer ideologischer Elemente in zunehmend kohärenterer und geschichtlicher – also gesellschaftlich wirksamer – Form, ohne dass wir gleich von einem ausgewachsenen Faschismus sprechen können«. Faschisierung funktioniere gewissermaßen als übergreifendes Klassenbündnis, könne »als Kampf um den verbleibenden stofflichen und finanziellen Wohlstand angesichts eines ökonomisch wie ökologisch schrumpfenden ›Kuchens‹ verstanden werden, ohne die hohen (Extra-)Profite des Kapitals und der Superreichen anzutasten, dabei jede Form der Umverteilung von oben nach unten dethematisierend durch Verschiebung der vertikalen Konfliktachse um den Mehrwert in eine horizontale Achse des Kulturkampfs. Gewissermaßen eine reaktionäre Wende in eine imaginierte Vergangenheit und zum Erhalt der ›guten alten‹ Lebensweise, des ›Normalen‹.« Hier findet sich noch ein Text über »Faschisierung an der Macht«.
Für einen »Perspektivwechsel in der ›Faschisierungs‹-Debatte« hat vor einiger Zeit bereits Klaus Dörre in »Sozialismus« plädiert: Er halte den Begriff »für problematisch«, unter anderem »impliziert Faschisierung, dass bereits feststeht, was Faschismus im 21. Jahrhundert bedeutet.« Was heute darunter gefasst werde sei im Grunde so verschieden, dass »ein klar identifizierbarer Zielpunkt, auf den eine Faschisierung hinauslaufen könnte«, unklar bleibe. Auch laufe »nicht jedes reaktionäre Herrschaftsprojekt« in der Konsequenz »notwendig auf eine faschistische Diktatur hinaus«. Auf Dörre wiederum antwortet Weber kritisch.
Ich denke, man kann ganz gut mit dem Begriff des Postfaschismus operieren. Damit lässt sich analysieren, welche Schritte hin zur Abschaffung der Demokratie vollzogen werden und mit welcher ideologischen Stoßrichtung. Faschismus ist ein Prozessbegriff. (Sven Reichardt in der SZ)
Folgt man Paxton in der Feststellung, dass Trump ein Faschist ist, stünden der US-Präsident und Maga also an der Schwelle zur fünften Stufe. Demnach wäre zu erwarten, dass sich die Bewegung radikalisiert oder an Dynamik verliert. (Sasan Abdi-Herrle zu Robert Paxtons fünf Stufen des Faschismus)
Der Faschismus lernt, ist wendig, kommt immer wieder anders daher. Auch deshalb ist es so schwer, ihn mit einfachen Definitionen zu packen oder mit Checklisten einzuhegen. (Anna Jikhareva und Daria Wild in der WoZ)
