Ich für mich
101 | 2026
Über eine Lücke in Andreas Püttmanns »Narzissmus und Rechtspopulismus«. Wie man sie mit Thomas Arnolds und Thomas Fuchs »Das unersättliche Selbst« kapitalismuskritisch schließen kann. Und über den Sammelband »Subjekte der ökologischen Verwüstung«, der die planetare Perspektive ergänzt.
I.
Andreas Püttmann hat mit »Narzissmus und Rechtspopulismus« einen – zu Recht vielfach gelobten – Perspektivenwechsel in der Analyse dessen vorgeschlagen, das anderswo mit »Rechtsruck« oder »Faschisierung« bezeichnet wird. Diese (auch) »als Folge einer Krise unserer Kultur und Moral« zu interpretieren, so etwa Jörg Lau, sei »anregender als vieles andere zum Thema«. Ruprecht Polenz schätzt die »glänzende Analyse«, die den AfD-Erfolg auf »Wut, Anspruchshaltung und das Gefühl, zu kurz zu kommen«, zurückführe. Für wohl befunden wird die »neue Sicht auf das länderübergreifende Phänomen des Rechtspopulismus«; der »Text über kulturelle und psychologische Gründe für das Erstarken des Rechtspopulismus« als hervorragend bezeichnet.
Ohne Frage lässt sich Püttmanns Analyse zu jenen Versuchen des Verstehens und Ergründens rechnen, die es sich in den (partei-)politisch überdeterminierten Besserwissensgräben nicht gemütlich einrichten. »Konservative und linke Erklärungsmuster des Rechtsrucks überlappen sich«, schreibt er, »in der Behauptung, dieser sei eine Reaktion auf politisches Versagen.« Wo die eine Seite meint, Regierende hätten auf den »Migrationsdruck« nicht angemessen reagiert, verweisen andere auf sozial- oder wirtschaftspolitische Unterlassungen. In beiden Fällen wird die Wahlneigung zu einer rechtsradikalen Partei in - zugespitzt formuliert - eine Art Selbstverteidigungsverhalten uminterpretiert: Wenn die da oben »nichts gegen Ausländer« oder« nichts gegen Ungleichheit« unternehmen, dann reiht sich der betrogene Bürger eben in den Marsch nach ganz weit rechts mit ein. Aus der Formation sei er dann nur mit noch härterer Antiasylpolitik oder noch volleren Tellern zurückzuholen.
Für Püttmann ist eine andere Annahme plausibler: »Zunehmende rechtsradikale Gesinnung und Ressentiments haben wesentlich mit den Menschen selbst zu tun«, die sich aufgrund von länderübergreifenden Faktoren – »wie die veränderte Art politischer Meinungsbildung, das Verblassen historischer Erinnerungen, ein sich wandelndes Ethos sowie den Verlust von Beheimatung in sozialen und religiösen Bindungen und sinnstiftenden Ideen« – in Individuen verändert haben, welche durch »Missmut, Wut, Aggression und rücksichtslose Selbstbehauptung« auffallen. Wo einst Geborgenheit, Gelassenheit und Frustrationstoleranz walteten, agierten heute immer öfter die »zügellosen Wutbürger«. Kurzum: Wer vom Rechtsruck reden wolle, müsse sich davon verabschieden, »dass wir es nur oder primär mit einer Politikkrise zu tun haben. Wahrscheinlicher ist eine Kulturkrise, die wesentlich moralische, psychologische und zivilisatorische Ursachen hat.«
Wo Püttmanns Text schon in der Überschrift von einer »Bewegung von Narzissten« spricht, soll wahrscheinlich nicht bloß stellvertretend einer der in der Forschung disktuierten »individuelle(n) psychosoziale(n) Risikofaktoren für Radikalisierung und Extremismus« genannt werden. Mit Narzissmus ist zugleich etwas angesprochen, das Püttmanns Subjektperspektive auf einen Zeitbegriff bringen soll. Erlebt man nicht selbst in seinem Alltag zunehmend Mitmenschen, die sich aggressiv, die eigene Ängstlichkeit überspielend und von geringer Selbstkontrolle geprägt verhalten? Ist nicht die eigene Beobachtung von um sich greifender Selbstdarstellung, all den Ich-ich-ich-Meinern in den als sozial bezeichneten Netzwerken erklärungsbedürftig? Und wurde nicht auch Trump immer wieder ein Narzisst genannt?
Was Püttmanns Text zu leisten vermag, ist eine hilfreiche Irritation von verkürzten ökonomischen, materielle Determinanten überbewertenden Analysen des »Rechtsrucks«. Dass Narzissmus als Option zu dessen Deutung in Frage kommt, ist nicht neu. Auch schon »vor Trump« hat man sich über Narzissmus, Führer-Sehnsucht und Macht Gedanken gemacht (hier etwa Hans-Jürgen Wirth).
Wovor man sich wird hüten müssen ist jedoch, in die Falle der Psychopathologisierung gesellschaftlicher Regressionserscheinungen zu tappen, also »das Materielle«, »das Ökonomische« dabei zu weit zurücktreten zu lassen. Und das nicht nur, oh heiliger Modebegriff, weil die Markierung des rechtsradikalen Charakters als narzisstisch als Angebot zum Sebstfreispruch missverstanden kann: Wenn ich mich bei »Zeit online« erfolgreich an der »Diagnose« vorbei klicke, dann werde ich schon nicht selbst von rücksichtsloser Selbstbehauptung und aggressiv verteidigtem Anspruchsdenken betroffen sein.
Es gibt also durchaus problematische Funktionsweisen von »Narzissmus« als Generalerzählungsbegriff zur Deutung von gesellschaftlichen Trends. Auch könnte es schon bei der Epidemiologie wacklig werden, weil man von einer gleichzeitigen Zunahme narzisstischer Störungen mit dem Aufstieg rechtsradikaler Parteien wohl nicht sprechen kann. Auch erscheint Püttmanns Trennung von Politikkrise und Kulturkrise etwas unglücklich, weil das eine vom anderen schwerlich zu trennen ist. Und man fragt sich, warum in seinem Text als mögliche Ursachen weder vom Kapitalismus, vom Wachstum, von der Ökonomie die Rede ist.
Das soll nicht sogleich wieder in sozial- oder wirtschaftspolitische Verkürzungen führen, sondern als Ergänzung verstanden werden: Man muss den Narzissmus sowohl als individuelle wie auch als gesellschaftliche Angelegenheit verstehen, als Subjektivierungsform, die ohne Kritik ihrer jeweils anderen, verbundenen Seite nicht verständlich wird.
II.
Ergänzend zu Püttmanns Text ist deshalb zu Thomas Arnolds und Thomas Fuchs’ »Das unersättliche Selbst« zu raten, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist. Ihre »Phänomenologie des Narzissmus« ist nicht allein von Fachinteresse oder einfach nur einer bestehenden Forschungslücke motiviert, sondern auch von der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung des Narzissmus’ – unabhängig von seiner Epidemiologie. Man erfährt hier nicht nur etwas über die schon Jahrzehnte alten soziokulturellen Perspektiven, die Narzissmus »als Resultat oder auch als Movens bestimmter gesellschaftlicher Veränderungen« deuten (etwa Richard Sennett 1974, Christopher Lasch 1980). Das Buch kann gleichsam als guter Einstieg in ein Thema dienen, bei dem sich zwischen wachsendem öffentlichem Interesse (narzisstische Züge autokratischer Herrscher, narzisstische Dynamik Sozialer Medien) und der riesigen, teils widersprüchlichen, oft umstrittenen Modelle, diagnostischen Rahmungen oder Zugangsweisen ein Graben auftut, der die Nützlichkeit des Konzepts Narzissmus insgesamt zu untergraben scheint.
Vor allem aber kann »Das unersättliche Selbst« eine Lücke füllen, die bei Püttmann nicht geschlossen wird: die Frage nach der narzisstischen Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft selbst. Als »Grundfigur der Gegenwart« von Arnold und Fuchs bezeichnet, wird hier über die subjektiven Folgen von gesellschaftlicher Individualisierung, Singularisierung und Virtualisierung berichtet, über die Verwandlung exzentrischer Positionen per »Rezentrierung auf das Subjekt: ich für mich« und über die – wenn man so will: kapitalistischen Grundsäulen des Narzissmus, nämlich Mangel, Konsum und Beschleunigung.
»Eine zentrale Triebfeder dieser Gesellschaft ist der Mangel, der die kapitalistische Ökonomie am Laufen hält und der daher nie wirklich gestillt sein darf, sondern stets erneuert, ja durch innovative Angebote und Bedürfnisse immer weiter gesteigert werden muss. Dieser strukturelle Mangel der Gesellschaft konvergiert mit dem tiefen Mangel, den wir als Kern des Narzissmus beschrieben haben; narzisstischer Mangel kann daher einerseits als ein Motor des kapitalistischen Systems fungieren, andererseits durch ebendieses System noch gesteigert werden.« Bereits in der Antike wurde dem Menschen eine innewohnende Pleonexie zugesprochen, »ein unersättliches ›Streben nach mehr‹, dem prinzipiell alles zum Objekt der Begierde werden kann. Der Kapitalismus ist gewissermaßen die institutionalisierte Pleonexie: Das Rad von Innovation, Produktion und Konsumtion dreht sich immer rascher und erzeugt zugleich in den Individuen den steten Mangel, ohne den es zum Stillstand käme. Dazu dienen vielfältige Mechanismen: Werbung, Mode, Nudging, Influencing, Optimierungsgebote ebenso wie Konkurrenz und Neid.«
Arnold und Fuchs greifen hier unter anderem Analysen von Mark Fisher auf, der den Narzissmus als Charaktertypus der spät-modernen Ökonomie par excellence zeichnet. Oder Peter Samols Wort vom »Narzissmus als Norm«, die einer Sozialfigur und Persönlichkeitsform entspricht, die »sich kongenial zur inhaltsleeren, unendlichen und letztlich sinnlosen Bewegung der Kapitalverwertung« verhält. Auch hinsichtlich ihrer Zeitlichkeit stimme die kapitalistische Ökonomie »mit der narzisstischen Struktur überein. Denn ihr Wesen ist die Unrast, die permanente Veränderung, die Beschleunigung von Produktivität, Mobilität, Handel und Kommunikation, damit aber auch die Entwertung alles Erreichten zugunsten des Möglichen und Künftigen. Nicht Erhalten, sondern Verbrauchen ist das Gebot, denn nur das Verbrauchte macht Platz für neue Waren. Das spiegelt sich in der Erfahrung der Individuen: Die Gegenwart genügt nicht, sie zeigt nur, was noch fehlt und was noch möglich wäre.«
In der »Phänomenologie des Narzissmus« ist das einer von vielen Zugängen, und er soll hier auch nicht deshalb hervorgehoben werden, um sogleich wieder den Fehler zu machen, »das System« für alles verantwortlich zu erklären. Dass man seine »eigene Geschichte« nicht »aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen« macht, enthebt einen ja nicht aus der Verantwortung dafür, in diesen Umständen trotzdem das Vernünftige wenigstens anzustreben.
Indem man aber die narzisstische Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft mit in den Blick nimmt, öffnet sich wieder eine »planetare Perspektive«, den so genannten »Rechtsruck« zu deuten: Um wie viel mehr »Zerstörungslust« bringt eine Gesellschaft hervor, in der eine verbreitete Subjektivierungsform vom Nicht-Genügen der Gegenwart, des schon Konsumierten usw. getrieben ist – die nun aber ahnen oder wissen muss, dass das, »was noch fehlt« eben nicht mehr möglich ist? Oder eben nur noch um den Preis, es auf eigenes Gedeih zum Preis des Verderbs von Anderen, des Planeten, der Zukunft selbst aggressiv zu beanspruchen, zu verteidigen, zu bewahren: »ich für mich«?
III.
Wo sich Arnold und Fuchs über Mangel, Konsum und Beschleunigung beugen, hatte Hans Joachim Maaz (auch er schon mit einer Zeitdiagnose »Die narzisstische Gesellschaft« in Erscheinung getreten) einmal das Wachstum als Treiber eines kollektiven Narzissmus’ ins Zentrum gerückt. Es bringe eine »Normopathie« hervor, der es entspreche, dass sie »nicht mehr als Störung wahrgenommen wird, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist«. Obgleich die Folgen für alle längst sichtbar seien, könnten die Menschen »wie Süchtige nicht innehalten«.
Das streift freilich wieder haarscharf an der entlastenden Funktion von Psychopathologisierung sozialer Erscheinungen entlang: der Süchtige als Betroffener, der dann irgendwann nicht mehr anders kann, weil die eigentliche Triebfeder ja ins System eingebaut ist, ihm also irgendwie äußerlich…
Dass man es anders machen kann, zeigt eine weitere Neuerscheinung: der Sammelband »Subjekte der ökologischen Verwüstung« aus der Schriftenreihe des Instituts für Sozialforschung (gibt es Open Access). Zugleich ein Einspruch gegen einen »überraschend orthodoxe(n) Glaube(n) an die ›Wiederholungszwänge‹ der Geschichte«, also auch als kollektiver Beitrag zur laufenden Debatte um »Faschisierung?« zu lesen, werden hier in der »Verbindung von neomarxistischer Gesellschaftstheorie und psychoanalytischem Subjektbegriff Ansatzpunkte zur kritischen Durchdringung der Gegenwart« gesucht.
In der einleitenden »Programmatik« wird anhand der Debatten in den Erdsystemwissenschaften, der Neuen Materialismen und des Ökomarxismus gezeigt, wie zwar einerseits der Begriff Anthropozän das Verständnis der menschengemachten Veränderungen der Erde in ihren tiefgreifenden, irreversiblen und existenzbedrohenden Ausmaßen ermöglicht habe – ihm aber unter anderem entgegengehalten wurde, dass im Abstraktum Menschheit die sozialen Verhältnisse zum Verschwinden gebracht würden. Auf der anderen Seite, wie am Beispiel von Éric Pineault formuliert, könne zwar die Herausarbeitung der Strukturmerkmale ökologischer Zerstörung konzis sein – dabei gerate aber die »subjektive Seite des betrachteten Problemzusammenhangs« weitgehend unterbestimmt: die Einzelnen erscheinen dann als »kaum mehr denn als Ausdruck von Strukturmerkmalen und strukturellen Erfordernissen eines Akkumulationsregimes«.
Einer »Kritische Theorie der Subjekte der ökologischen Verwüstung« müsse es dem gegenüber darum gehen, beide Perspektiven gewissermaßen ineinander zu blenden: weder die strukturtheoretische zu vernachlässigen, noch in der subjekttheoretischem das Strukturelle zu übersehen. Nicht zuletzt steht dabei die Frage im Zentrum, »warum es zu keiner adäquaten politischen Reaktion auf die Destruktivität der kapitalistischen Konstellation« kommt, deren »ökologische Verwüstung« unübersehbar geworden ist: »Warum wird ein so problematisch gewordener gesellschaftlicher Zustand, dessen negative Folgen unmittelbar erfahrbar sind sowie durch wissenschaftliche Befunde unterlegt wurden, affirmiert und verteidigt? Warum wird die ökologische Destruktion zum Teil sogar genossen und bewusst befördert? Warum finden der Widerspruch und der Widerstand gegen die existenzgefährdenden Herrschafts- und Naturverhältnisse politisch keinen kollektiv anschlussfähigen und mobilisierenden Ausdruck? Warum bleibt die rettende Befreiung aus?«
Auch das hat mit Narzissmus so viel zu tun wie dieser mit den Strukturen einer Gesellschaftsweise, die narzisstische Subjektivierungsformen fördert und geradezu erzwingt. Damit alles zu erklären versuchen, wird man sich hüten müssen. Es bei Erklärungen nicht zu berücksichtigen, wäre freilich genauso falsch.
